Die Ashram Erfahrung

🎥 VIDEO: Khajuraho – Tempel, Ashram und Landleben 

Als ich das allererste Mal in Indien auf einem Trip nach Pondicherry in Kontakt mit einem Ashram kam, fand ich wenig Worte für die Eindrücke, die ich dort mit auf dem Weg nahm. Heute heißt Pondicherry Puducherry und im alten Zentrum von Pondicherry befindet sich das spirituelle Zentrum der Anhänger Aurobindos und Mirra Alfassas, der „Mutter“.

Ziel und Motivation dieses Ashrams ist es den Bewohnern die Möglichkeit zu geben, kollektiv Aurobindos Integrales Yoga zu praktizieren. Dies zielt auf eine ganzheitliche Entwicklung des Menschen ab und aufgrund seiner diesseitigen, weltbejahenden Ausrichtung legt man hier großen Wert auf das sogenannte Yoga der Werke,  auch Karma-Yoga genannt. Zahlreiche Aktivitäten wie Sportveranstaltungen, Theater- und Musikaufführungen etc. ermöglichen es den Mitgliedern des Ashrams, ihren individuellen Interessen nachzugehen und ihre spirituelle Entfaltung im Einklang mit Aurobindos Idealen zu gestalten. Kinder und Jugendliche werden in Ashram-eigenen Einrichtungen ausgebildet. Das „International Centre of Education“, das gegenüber dem Hauptgebäude des Ashrams liegt, führt bis zur Universitätsreife.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass sich dieses Lebenskonzept in meinem damaligen Leben noch nicht erschließen wollte, aber einen wahrhaftig bleibenden Eindruck hinterließ.

Jahre später erst stieg ich auf den Yogazug auf. Während einer Reise durch den Süden Indiens machte ich einen 4-tägigen Yoga Intensivkurs in einer sehr ländlichen Gegend von Goa. Dieser Yoga Lehrer konnte mich abholen und von diesem Moment an war ich infiziert.

Ich lebte für einige Jahre in Malaysia nach diesem Yogakurs und wie es mein Schicksal wollte, war eine meine ersten Begegnungen  der Kontakt mit einer Verlegerin für Yogamagazine in Malaysia und nach einer kurzen, sehr höflichen Unterhaltung gab Sie mir die Telefonnummer eines indischen Yogalehrers, der mich für die nächsten 3 Jahre auf dem Yogapfad begleitete. Und wie es der Zufall wollte, wohnte ich für einige Monate in Kuala Lumpur neben einem Ashram, dem Vivekanada Ashram in Bricksfield. Jeden Morgen schaute ich aus der 36. Etage auf diesen Ashram und ich wußte eines Tages wollte ich einen echten indischen Ashram erleben.

Vivekananda Ashram in Brickfields, Kuala Lumpur, Malaysia

Ich bin felsenfest davon überzeugt, im Leben gibt es keine Zufälle und so kam alles wie es kommen musste.

Im September 2016 war meine Zeit für den Ashram gekommen. Längst wohnte ich wieder in Deutschland und Indien, Asien und ganz besonders Yoga fehlte mir. Die Zeit für Spiritualität war reif.

Ich fand einen Ashram in Khajuraho, Madhya Pradesh, Indien, der in erster Linie ein Zentrum ist, um Yoga zu lernen und hier werden u.a. auch sehr gute Yoga Lehrer Trainings angeboten.

Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht sicher, ob ich tatsächlich Yogalehrer werden wollte, aber ich wollte Yoga noch einmal richtig von Grund auf lernen und die Philosophie verstehen.

Da ich Khajuraho und seine traumhaft schöne Tempelanlage schon Jahre vorher einmal besucht hatte, um dort zu fotografieren, schien es mir der perfekte Ort zu sein.

Als ich am Flughafen in Khajuraho ankam, hatte ich bereits auf dem Flug dorthin von Mumbai einige meiner Mitstreiter getroffen. Nach einer Nacht in Khajuraho, trafen wir sich die meisten am Flughafen wieder, um von dort mit kleinen Bussen zum Ashram gebracht zu werden. Das Städtchen ließen wir schnell hinter uns und nach einer holprigen Fahrt von ca. 10 Kilometer durch die indische Landschaft kommen wir auf einer roten, staubigen Piste an ein Tor. Hier mischt sich zum ersten Mal ein leicht mulmiges Gefühl unter all meine Erwartungen. Vier Wochen klare Regeln, Abgeschlossenheit, intensives Lernen, so gut wie kein Luxus und niemanden, den ich soweit kenne.

Ashramgelände

Das Gelände rund um den Ashram eingebettet in eine wunderschöne, friedvolle Landschaft. Rechts im Bild die große Yoga und Meditationshalle, links die Unterkünfte

 

42 Schüler, 4 Volontäre, 3 Hauptlehrer unter denen einer unser Guru Ram, der  „Meister“ ist. Wir machen uns an diesem ersten Ankunftstag mit den Begebenheiten des Ashrams vertraut und nachdem die jeweiligen Zimmer bezogen sind und alle Regeln erklärt sind, ein erstes Beschnuppern stattgefunden hat, wird klar: hier lässt man sein Ego besser zu Hause. Sicherlich fällt es mir nach unendlich vielen Indienreisen viel leichter sofort zu adaptieren und meine Liebe zu Indien lässt Vieles auch in einem erheblich weicheren Licht erscheinen, aber trotzdem schlucke ich ein wenig bei dem Gedanken, für 4 Wochen meine Freiheit, tun und lassen zu können was ich will, nun abgegeben zu haben. Und den Ashram nur ein einziges Mal pro Woche verlassen zu können, hinterlässt anfänglich ein mulmiges Gefühl.

Tor zum Ashram

Das Tor zum Ashram, das sich nur Mittwochs für den ganztägigen Ausgang öffnete oder für begleitete Morgen-Meditationsgänge

 

Doch was bekommt man dem entgegengesetzt? Die Erkenntnis, dass vieles unwichtig wird, die Sinne geschärft werden, wenn man sich reduziert und Kräfte geweckt werden, wenn man fokussiert durch den Tagesablauf geht, keine Genussmittel zulässt, dem Körper nur gesunden Kraftstoff zur Verfügung stellt, den Geist mit neuen Gedanken füttert, die sich ziemlich richtig anfühlen und dazu mit intensiven Yogaübungen und der Erkenntnis wie man es vermitteln kann, Körper und Geist zusammenführt. Dazu als Abrundung Meditation, um den Geist zur Mitte zu führen.

Die Anfangseuphorie ließ sich für mich persönlich nicht vom Tisch wischen. Ich hatte mich – Gott sei dank – für ein Einzelzimmer entschieden, denn mein Ego war einfach noch zu groß, um auch meine Privatsphäre am Tor abzugeben.

Meine erste Frage nach einem Café auf dem Ashramgelände löste großes Gelächter aus, ebenso die Frage, wie das WLAN Passwort auf dem Campus lauten würde. Bei dem ersten Abendessen im Speisesaal sah ich also in ebenso viele fragende Gesichter wie in meinem Badezimmerspiegel, aber toll auf eine offene, energetische Truppe von 42 Schülern zu treffen, die zwischen 20 und 60 Jahren alles mitbrachten was für viel Erheiterung sorgen würde. Erstaunlich, dass 99,95% Westler im wesentlichen aus Europa am Start waren und immerhin 6 männliche Teilnehmer.

Nach der ersten Nacht in der Wärme Indiens, die lediglich mit Ventilatoren erträglicher wurde, ging der normale Tagesablauf los.

Aufstehen um 5:30 Uhr, eine Dusche (ein großer Eimer, den man mit Wasser füllt und ein kleiner Schöpfeimer mit dem man sich das kalte Wasser über sein Haupt gießt, wird hier in Indien oft Dusche genannt … zumindest in einfacheren Unterkünften), um 6.00 Uhr Beginn der einstündigen Morgenaktivität: Meditation, Pranayama oder Gesänge. Nicht ganz so einfach, sich eine Stunde lange in dem „komfortablen Lotussitz“ zu entspannen. Dann noch die Gedanken zu fokussieren, eine weitere Herausforderung. Von 7.15 Uhr bis 7.45 Uhr findet das Frühstück statt und hier ist Schweigen Gold. Das Essen besteht aus so gut wie gar nicht gewürztem Reis mit einer Frucht dazu, meistens eine Banane und Tee oder Wasser. Als kommunikativer Mensch ist es eine echte Herausforderung sich ruhig an einen Tisch zu setzen und keine Unterhaltung zu starten und so wandern meine Blicke durch den Saal und ich versuche die unterschiedlichen Charaktere zu analysieren. Was mögen sie wohl denken? Wie fühlen sie sich? In den Gesichtern läßt sich so einiges ablesen, aber am Ende ist alles nur Spekulation und besser man konzentriert sich auf sich selber.

Von 8.15 Uhr bis 11.15 Uhr wird vom ersten Tag Wert darauf gelegt, dass man selber in die Lehrerrolle schlüpft und lernt zu beobachten und korrekt zu korrigieren. Alle haben am Anfang echte Berührungsängste, aber das legt sich relativ schnell, denn die Erkenntnis, dass keiner perfekt ist, macht schnell die Runde.

Um 11.30 Uhr ist Lunch für eine halbe Stunde angesagt und auch hier ist das Motto, Schweigen ist Gold. Dabei haben die Volontäre im Ashram die Aufgabe, uns Schüler zum Schweigen anzuhalten und die Regeln zu befolgen. Doch hier ist der Drang sich auszutauschen einfach zu hoch und so entwickeln die meisten eine Fähigkeit immer mehr mit den Augen zu reden oder ganz, ganz leise vor sich hin zu murmeln. Auch das Mittagessen ist nicht gerade eine Geschmacksexplosion, aber im Laufe der Zeit stellt man fest, dass die Nahrung so auf den Körper abgestimmt ist, dass man angenehm gesättigt ist, aber auf gar keinen Fall schwer belastet wird, so das der Nachmittag eine einzige Plage wäre.

Gleich nach dem Mittagessen von 12.00 bis 12.45 Uhr ist Karma Yoga das Gebot der Stunde. Karma Yoga ist nichts anderes als der Dienst an und für die Gemeinschaft ohne die geringste Erwartungshaltung zu haben, aber trotzdem sein Bestes zu geben. In der Regel bedeutet das, alle Aufgaben im Ashram, wie z.B. die Reinigung der Gemeinschaftsräume, Gartenarbeit, Verkauf im Ashramshop (ein kleiner Shop für die aller nötigsten Dinge des täglichen Lebens) und vieles mehr werden während dieser Zeit erledigt.

Nach einer kleinen Pause geht es dann von 13.00 bis 14.45 Uhr mit dem Unterricht bei dem Guru, unserem Meister weiter. Die ersten beiden Wochen ist ausschließlich das Thema Yogaphilosophie an der Tagesordnung und dabei sitzen alle mal wieder in der „komfortablen Schneidersitzposition“ auf dem harten Boden. Lediglich eine Bastmatte oder zusätzlich eine mitgebrachte Yogamatte trägt zum Komfort dieser Stunde dabei. Ich habe diese Stunden extrem genossen und fühlte mich dabei wie ein trockener Schwamm, der bereitwillig den neuen Stoff aufnehmen möchte. Dabei erschlossen sich mir viele Dinge, die ich während meiner intensiven Reisen durch Indien und meinem Leben in Mumbai vorher noch nicht erschlossen hatte. Besonders reizvoll war der manchmal sehr kontrovers geführte Dialog über Dinge, die einem Westler nicht unbedingt so verständlich sind. Insbesondere die besonders religiösen Themen waren für viele von uns Neuland, aber gut näher gebracht. Natürlich haben wir alles auf Englisch vermittelt bekommen und da war es schon doppelt hilfreich, sich sattelfest in der Sprache zu fühlen und viele Ausdrücke vorab schon mal gehört zu haben. Ein reges Mitschreiben ließ sich auf jeden Fall nicht vermeiden, denn für das Ende nach 4 Wochen war uns eine Prüfung versprochen worden, die den gesamten Stoff abfragen würde. Der Druck war definitiv präsent und nicht alle hielten ihm stand.

Am Nachmittag kam für die meisten das Highlight des Tages: die Asana Stunde (Yogastunde) mit Omkar. Yoga wie man es mag, wenn man sich herausfordern möchte. Die Intensität zog von Tag zu Tag mehr an und nach 4 Wochen waren alle zu den wagemutigsten Asanas fähig und willig. Der körperliche Ausgleich tat nicht nur gut, er zeigte auch zügig echte Erfolge.

Jeden Abend gab es von 17.15 bis 17.45 Uhr Abendbrot und zu dieser Mahlzeit war es endlich gestattet zu reden. Für die meisten eine echte Wohltat und für mich definitiv auch.

Nach dem Abendessen hatte man eine Stunde Zeit für persönliche Dinge, wie z.B. säubern seines Zimmers, waschen, duschen, und natürlich Hausaufgaben und das nutzten wir fast alle so schnell wie möglich, denn das Tageslicht ist in diesen Breitengraden recht zügig sehr schummrig und dann hat jedes künstliche Licht zur Folge, dass die Mücken sich auf ihr Festmahl freuen. Nun ja, und spät am Abend war der Generator nicht unbedingt eine verlässliche Quelle für Energie. Abgesehen davon waren die meisten persönlichen (geistigen wie körperlichen) Akkus auch ziemlich aufgebraucht.

Mit fast letzter Kraft ging es von 19.00 bis 19.30 Uhr zur Meditation. Die „komfortable Schneidersitzposition“ wurde hier für die meisten zur echten Herausforderung nach einem langen, gefüllten Tag. Um so mehr freute man sich auf den Tee nach der Meditation. Diese Zeit war die schönste, um sich mit seinen neu gewonnen Freunden auszutauschen und den Geschichten aus aller Welt zu lauschen.

Das Schönste für mich waren die späten Stunden allein auf dem Dach auf meiner Yogamatte mit dem Blick in einen schier unbeschreiblich schönen Nachthimmel und Millionen von Sternen.

So ging hier die Zeit im Ashram fast schon zu schnell um und gewisse Höhen und Tiefen lassen sich natürlich nicht weg diskutieren, aber definitiv waren die einmal die Woche am frühen Morgen statt findenden Ausflüge in die unmittelbare Umgebung wohltuend anders, auch wenn nicht komplett frei und zwanglos. Hier war das Mantra: Ruhe und Zeit sich auf sich selber zu fokussieren. Der freie Mittwoch war ebenso eine tolle Abwechslung und eine schöne Gelegenheit Khajuraho zu erkunden, aber der Druck lastete auf allen, den zu lernenden Stoff nicht aus den Augen zu verlieren und so trafen sich kleinere Grüppchen im Ort, um gemeinsam zu lernen.

All meine Erlebnisse in einen Blogbeitrag zu packen, würde den Rahmen definitiv sprengen, aber zusammenfassend kann ich für mich persönlich nur sagen: ich würde es sofort wieder machen und habe das unbestimmte Gefühl, nicht zum letzten Mal in einem Ashram gewesen zu sein.

Auch wenn ich nun noch nicht aktiv als Yogalehrerin unterwegs bin, so bin angekommen bei dem Thema Yoga und weiß, Yoga wird immer ein Bestandteil meines Lebens bleiben.

 

Für alle Interessierten, hier geht’s zum Ashram, in dem ich mein Training gemacht habe. Und in einen meiner nächsten Beiträge erzähle ich ein wenig von dem, was um den Ashram herum passiert. Also, bleib dran …

Hände in Chin Mudra oder auch Jnana Mudra

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