Let the incredible journey to India begin …

Let the incredible India journey begin…

Vor zwei Monaten beschloß ich, eine erneute Reise in mein tiefstes Inneres zu unternehmen und nach einer intensiven Recherche im Netz, kam ich zu der Erkenntnis, dass ich dieses Mal mein Yoga-Wissen in Richtung Ashtanga Yoga lenke und was liegt näher als Mysore in Karnataka im Süden Indiens, wenn man über Ashtanga Yoga nachdenkt. Ich war bereits schon zweimal in den vergangenen  Jahren in Mysore gewesen und so fühlte ich mich komfortable bei der Suche nach der richtigen Yogaschule hier am richtigen Ort zu sein.

Schon die Vorbereitung war ein kleines Abenteuer. Nachdem ich mich zwischen 2 Schulen, die beide top geratet waren entschieden hatte, entschied ich mich für INDEAyoga. Direkt bedeutet indea – inner light. Die Bewertungen, der Internetauftritt und das Konzept schien mir schlüssig. Allerdings nun begann es sehr „indisch“ zu werden. Einfach schön kompliziert. Nicht das man eine Transaktion für den Gesamtpreis erlaubt hätte, nein, unterschiedlichste Konto mussten gefüttert werden. Nach Aussage einer lieben indischen Freundin erklärte mir diese, dass der indische Staat unterschiedlichste Steuermodelle fährt und nicht unterscheiden kann, wenn eine eingehende Überweisung aus dem Ausland entsprechend gesplittet wird. Nun, kann man verstehen, muss man aber nicht verstehen.

Ich will mich aber an dieser Stelle nicht mit Kleinigkeiten aufhalten. So buchte ich meine Flüge von Hamburg über Dubai nach Banglore und ein entpanntes Handling bei Emirates macht die Reise zu einem angenehmen Start. Doch dann muss te ich meine Weiterreise von Banglore nach Mysore organisieren. Gerne wäre ich mit dem Bus gefahren, um so ein wenig von der Landschaft einfangen zu können, aber diese Buchung gelang mir ohne indische Unterstützung auf dem reinen Internetweg nicht. Ein wenig frustriert, aber überzeugt doch das Richtige zu tun buchte ich meine innerindischen Flüge mit AirIndia. Und nun begann der nächste Unterhaltungskracher. Mindestens einmal wöchentlich erhielt ich eine Änderungsbuchung für meine Flüge und den Hinweis auf nur 15 KG Gepäck wollte ich irgendwie übersehen.

Am 28. September 2019 war es endlich so weit. Emirates behandelt mich sehr unterstützend bei meinem „leicht schwererem Handgepäck“, dank Kamera und Laptop und auch meine unvolledete E-Visa Prozedur wurde professionell von dem Emirates Bodenpersonal abgeschlossen. Wer einmal ein Visum für Indien beantragt hat, weiß wovon ich spreche. Kommentar von dem Emirates Mitarbeiter: „Dies ist nur der Anfang, wo die incredible Reise nach Indien beginnt… „ Ich musste kräftig schmunzeln und hatte schon wieder dieses kleine, unbestimmte Gefühl, was mich alles auf dieser Reise erwarten würde…

Mein Flug nach Dubai hob abends in Hamburg ab und nach knapp 6 Stunden Flug hatte ich mich gegen Essen und für eine kleine „Nachtruhe“ entschieden.

32 Grad Celsius und eine hohe Luftfeuchtigkeit verschlugen mir fast den Atem. Ich nutze mein 5 Stunden Transit, mich mit einer lieben Freundin zu treffen und trotz enormer Müdigkeit überwog die Freude darüber ein guten Austausch zu haben. Natürlich wurden viele Dubai Erinnerung wachgerüttelt, denn auch in Dubai hatte ich einige Zeit in meinem Leben verbracht.

 

Übermüdet stieg ich am frühen Nachmittag in den Flieger nach Bangalore und wollte einfach nur ein wenig schlafen. Mit einem schönen Fensterplatz dachte ich den sicherlich überfüllten Flug problemlos zu überstehen. Dinge kommen aber meisten anders als man denkt. Nachdem ein junger, netter Mann den Gangplatz belegte, glaubte ich schon fast an mein Glück, dass der Mittelplatz freibleiben würde. Doch weit gefehlt. Eine junge, beleibtere Inderin bahnte sich den Weg durch den schmall Flugzeuggang Richtung Reihe 33 und schwups saß sie zwischen uns beiden. Ein unglaubliche Wolke der Transpirationsausdünstungen nicht allerbester Art stülpte sich über mich. OMG, und das bei einer olfaktorisch, sensiblen Person. Nur gut, das vier Stunden Flug keine Ewigkeit sind.

Kaum in Bangalore gelandet, konnte ich mein Glück kaum fassen: schnelles Handling bei dem Schalter für Passagiere mit e-Visa, das Gepäck war schneller auf dem Band, als ich es erreichen konnte im Nu war ein ATM gefunden, um die ersten indischen Rupien für Taxi und Co. zu haben. Das Taxi war wie bestellt ganz in der Nähe des ATMs. Ich dachte, meinem Glück zur einem guten Start in mein diesjähriges Indienabenteuer, stünde nichts mehr im Weg. Doch da hatte ich mich wohl ein wenig zu früh gefreut.

Der Taxifahrer war freundlich und bestätigte mir, dass er das Hotel selbstverständlich kennen würde. So stieg ich ein und fragte nach dem Taxameter, das er bitte anstellen möge. Fehler! Und passierte ausgerechnet mir. Nach einiger Diskussion einigten wir uns auf 800 INR (ca. 11,- Euro) für eine Strecke von eigentlich 12 KM. Meiner Müdigkeit war es geschuldet und ich wollte einen angenehmen Einstieg in mein neues Indienabenteuer.

Und nun begann das Abenteuer so richtig! Irfan, so hiess mein Fahrer, ein netter Mann, schien leider trotz Google Maps keinen Plan zu haben. Das erste Hotel, das er ansteuerte, hatte komischer Weise seinen Namen letzte Woche in einen neuen geändert. Seiner Meinung nach war dies das ehemalige Hotel mit dem Namen meines gebuchten Adresse. Nun gut. Dann fuhren wir weiter und selbstbewusst sagte er mir , Google Maps würde ihm nun den richtigen Weg weisen. Hmmm. Mit einem meinerseits leicht lädierten Vertrauen in meinem Fahrer, beschloss ich, ihn in eine persönliche Unterhaltung zu verwickeln und befragte ihn nach seinem Leben. Mit zunehmender Entspannung seinerseits, verspannte ich ein wenig mehr, denn nun wurde der Weg – ganz in der Nähe des International Airports von Bangalore immer dörflicher, dunkler und die Gassen immer schmäler. Streundende Hunde an jeder Ecke und wenn ich Menschen auf den Gassen sah, waren es immer nur Männer. Nach ca. 50 Minuten hatten wir angeblich das richtige Hotel gefunden und so lud er mich samt Gepäck in einer von Feldern umgebenen Landschaft aus. Da ich mittlerweile seine Nummer in mein indisches Handy gespeichert hatte, das ich immer noch besitze, fühlte ich mich nun zumindest nicht ganz verlassen. Außerdem wollte Irfan mich am nächsten Morgen ja auch wieder zum Airport zurückbringen. Kaum hatten wir das Check-In im Hotel beginnen wollen, stellte ich fest, das war nicht mein gebuchtes Hotel. Ein kleine Laune der Wortspielerei hatte Google Maps und Irfan mit mir als Gepäck hierher gebracht. Ich rief Irfan an, er kam zurück und nun tippte ich die Adresse bei Google Maps ein und simsalabim waren wir knapp 5 Minuten später im richtigen Hotel.

Falls ich nun hoffe, alles würde gut, wurde ich eines Besseren belehrt. Eine Buchung konnte Dank nicht vorhandenen Computer gar nicht erst gefunden werden. Der Hotelmanager war auch der englischen Sprache so gut wie gar nicht mächtig. Das Zimmer war alles andere als wie gebucht ruhig und der Zustand der Zimmer für normale westliche Standards jenseits von gut und böse, aber zumindest sauber und erstaunlicherweise Steckdosen an allen Ecken, eine echte Rarität für indische Verhältnisse. Die Dusche war eine echt indische Dusche: ein großer Eimer, den man mit Wasser füllt, ein kleiner Becher mit Henkel plus kaltem Wasser machen das Duscherlebnis zu einem Erlebnis besonderer Art. Streng nach dem Motto: Mach´s Dir doch selber.
Schnell sortierte ich mich in meinem immerhin großen Zimmer und bei dem kurzen Blick durch die verdeckten Fenster, war klar warum der Blick nach draußen nicht der Rede Wert war. Ein ausgetrockneter, nicht angelegter Garten, Bauschutt, eine Mauer und aufgeräumte Slumhütten in unmittelbarer Umgebung hinter der Mauer. Nun brauchte es nur noch Ohrpropfen und ich entschwand ins Reich der Träume.

Am anderen Morgen freute ich mich auf eine Dusche und glaubte irgendwie noch an warmes Wasser. Oh nein, ich sollte es wieder einmal ein frisches und abkühlendes Erlebnis haben und kaum waren meine Haare shamponiert ging das Licht aus und nun war klar, dass der Strom abgestellt wurde und mein Fön aller Wahrscheinlichkeit nach nicht am heutigen Tag zum Einsatz kam.

Das Frühstück wollte ich mir natürlich im zweiten Stock auf der bei meiner Ankunft angepriesenen Dachterrasse nicht entgehen lassen.

Was für ein Airport Frühstücksrestaurant! Ein echter Kulturschock nach meinem kurzen Stopover in Dubai. Rohbau, 2 Gäste im Frühstücksraum und das Personal gelangweilt in der Küche. Ich fragte einen der Gäste, wie man in den Genuss von Service käme und mit einer lapidaren Handbewegung Richtung Küche sagte er mir kurz und sachlich: „Call!“ „A-ha“, dachte ich mir und wagte den Blick in die Küche, wo das Personal saß und aß. Auf meine Frage „May I have a breakfast?“ wurde mir etwas Unverständliches entgegengeworfen und einige Minuten später kam ein Kaffee mit Milch und Zucker. Nun sagte mir der junge Kellner: „Madam, just little sugar“ und verschwand. Der Rest meines Frühstücks wurde schlicht ausgelassen bzw. vom Personal vertilgt, wie ich bei einem weiteren und letzten Blick in die Küche feststellte und so bestellte ich mir ein Taxi direkt vom Hotel diesmal für nur 300 INR, sagte Irfan ab und stellte mich dem äußerst spannenden Airport Personals von Air India. Nach einer etwas längeren Argumentation konnte ich sie zumindest davon überzeugen von einer Aufzahlung für Gepäck abzusehen.

Und nun wartete ich auf meinen hoffungslos verspäteten Flug nach Mysore und war gespannt, was mich erwartet.

In der Schlange die sich eine halbe Stunde vor Abflug vor dem Gate langsam einfand, stand gleich hinter mir eine 3-Generationen-Familie. Omi, Mutter und eine ganz hübsche Tochter. Es ist unglaublich schön, wie kommunikativ Inder sind und besonders die Solidarität unter Frauen ist immer wieder bemerkenswert. Schnell war ein Gespräch angeknüpft und so erfuhr ich das die 13 jährige Tochter zum Dussera Festival in Mysore für eine klassische Tanzperformanz in den Palast von Mysore eingeladen war und die 83jährige Omi und ihre Mutter sie begleiteten. Die Freundschaft war geknüpft und die prompt bekam ich nicht nur jede Menge Fotos von unglaublich schönen Tanzhaltungen der Tochter mit dem wunderschönen Namen Kanika zu sehen, sondern auch eine dringende Einladung zur Vorführung persönlich zu kommen.

Nach einigen Minuten des angenehmen Gesprächs kam jedoch der Hinweis, dass auch dieser Flug verspätet sei. Noch einmal nahm man Platz im Wartebereich vor dem Gate. Die Zeit verging und dann nahm ich eine aufgeregte Gruppe von Passagieren wahr, die sich direkt vor dem Schalter des Gates positioniert hatten.

Es kam wie es kommen musste: der Flug wurde wegen eines angeblichen Vogelschlages der reinkommenden Maschine gecancelt und der diensthabende Flight-Manager ließ ein wenig auf sich warten, bis er den Mut hatte, zu erscheinen. Die Stimmung erhitzte sich zunehmend, aber irgendwann war klar, dass die Fluggesellschaft mit dem wohlklingenden Namen Air India reagieren musste.

Nachdem nach einer schier endlos erscheinenden Zeit endlich Tickets zurückerstattet wurden, Koffer ausgeladen waren, hatten sich organisierte Passagiere längst selber organisiert und Gott sei Dank stieß ich auf einen Mexikaner mit stark amerikanischen Wurzeln für den Indien sein spirituelles Zuhause ist. Carlos oder um genau zu sein Juan Carlos reiste mit seinem Freund Bill zu einem Guru oder besser der weiblichen Form einer sogenannten Ama nach Mysore und ist gut vernetzt, dass er zwei Fahrer mit zwei Wagen zu ortsüblichen Konditionen mit verlässlichem Fahrer organisieren konnte.  Dieser Gruppe schlossen sich noch drei Yogis an und eine davon war ich.

Dies war eine gute Entscheidung gewesen, wie sich nun herausstellte. In nicht einmal 4 Stunden erreichten wir mit einer kleinen Pause Mysore. In der Zwischenzeit hatte ich ein extrem angenehmes Gespräch mit Joseph, meinem Mitfahrer. Jospeh stammt aus der Slowakei und lebt zur Zeit in Irland. Stetig auf der Suche nach dem Sinn des Lebens brauchte er eine Auszeit und schien in seinem Leben schon so einiges ausgetestet zu haben. So waren die vier Stunden schnell fast wie im Flug vergangen und wir standen fast unerwartet vor dem Yoga Dharma. Treffend bemerkte Joseph:“Da sind wir nun in unserem neuen Zuhause für die nächsten Wochen.“ Etwas mulmig war mir doch. Aber kaum hatte sich das Tor geöffnet, kamen wir an und fühlten uns sofort Zuhause. Ein schöner grüner Garten vor dem Haus, das schon außen einen sehr gepflegten Eindruck machte. Mit dem Eintreten in das Yoga Dharma, hatte ich beinahe das Gefühl in einem schönen alten Tempel gelandet zu sein. Nur durch den Eingangsflur getrennt, eröffnete sich zur Linken und Rechten jeweils eine Art Empore geziert von schönen Tempelholzpfeilern aus Teakholz. Mitten in der Lobby stand eine mit Blumenblüten liebevoll arrangierte Messingschale und der Wachmann, der uns so spät noch in Empfang genommen hatte, begeleitet uns jeweils zu unseren Zimmern. Ein weiteres Mal wurde ich an diesem Tag heute angenehm überrascht. Das Zimmer strahlte in seiner Einfachheit  eine angenehme Wärme aus und vom ersten Moment fühlte ich mich wohl. „Hier werden meine nächsten zwei Wochen gut verlaufen,“ dachte ich so und machte mich schnell ans Auspacken bevor ich eine Dusche nahm und vor lauter Erschöpfung glücklich einschlief.

Am nächsten Morgen wachte ich bereits kurz vor dem Klingeln des Weckers auf. Völlig energetisch bereitete ich mich auf meine erste Yogastunde am Morgen vor.

In dem Yogatrainingsraum unter dem Dach hatten sich bereits die ersten Schüler eingefunden und fingen selbständig mit ihren Übungen an. Die Anwesenden waren alle auf einem sehr hohen Niveau und langsam wurde ich immer gespannt auf alles, was nun kommen mochte. Bibo, ein extrem erfahrener Yogalehrer, war extrem drahtig und er begegnete jedem mit einer authenischen Natürlichkeit und einem warmen Lächeln, dass man sich sehr gut aufgehoben fühlte. Sein Assistenz, Priyanka, eine hübsche, ebenfalls drahtige Yogalehrerin überzeugt schnell mit einer großen Gabe für Motivation und Freundlichkeit. Dazu merkte man ihr schnell an, dass sie Ihren Job aus tiefster Überzeugung macht.

Die Stunde verlief jedoch ganz anders als eigentlich erwartet. Es gibt keinen Lehrer der als „Vorturner“ den Takt vorgibt, sondern eher durch präzise Erklärung und Überprüfung bei der Ausführung wird jeder einzelne Schüler da abgeholt, wo er sich genau in diesem Moment mit seinem Können befindet.

Schnell wurde mir klar, die erste Woche werde ich erst einmal adaptieren müssen.

Nach der ersten Stunde stand das Frühstück auf dem Programm. Fast musste ich ein wenig schmunzeln als ich das Restaurant betrat. Ein großer, heller, langer Raum, in dem an der einen Seite ein Büffet mit vegetarischen Köstlichkeiten aufgebaut war, die man selbstverständlich aufgetragen bekam und entlang der Wände Strohmattenkissen, auf denen man in der komfortablen Sitzhaltung, dem Lotus oder Schneidersitz gemütlich sein Essen einnimmt. Es versteht sich von selbst, dass in solchen Häusern auf absolute Stille Wert gelegt wird.

Für 13.00 Uhr war am ersten Tag ein Briefing vorgesehen für alle Neuankömmlinge unabhängig, ob man dem sogenannten TTC (Teacher Training Course) folgen wird in dem nun folgenden Monat, oder ob man sich für das sogenannte Mysore Style Yoga eingeschrieben hat. Ich hatte mich vorab mich letzteres eingeschrieben und sollte in den nächsten Tagen lernen, dass dies die beste Idee gewesen war, die ich je hatte.

Für das Briefing erschien die energische, quirlige Managerin des Hauses samt ihrer vielleicht 12 jährigen Tochter, die genau verfolgte, was ihre Mutter tat. Nun folgte eine klare Ansage, was im Haus möglich ist und was absolut zu vermeiden ist. Nach der gesamten Ausführung, die sich auch noch einmal in Zusammenfassen in jedem Zimmer an der Tür wiederfand, gab es ein kurze Begehung des Hauses und es war wirklich an alles gedacht: Im Eingangsbereich Schuhschränke, in denen man seine Schuhe unterbringen kann. Im Hause ist man nur noch barfuß unterwegs, 2 Waschmaschinen für die Wäsche der Schüler zur freien Verfügung, Bügeleisen und Brett im allgemeinen Bereich, ein Meditationsraum, der auch für das sogenannte Chanting genutzt wird. Hier werden gemeinsam Mantras gesungen, um einerseits die Gemeinsamkeit zu fördern und um als Lehrer später Schüler mit Mantras abzuholen in die Yogastunde. In dem Yogasaal im obersten Stockwerk fand das offizielle Briefing durch die Yogalehrer statt. Zunächst stellten sich alle Teilnehmer vor und bis auf ganz wenige Ausnahmen waren fast nur Inder oder sollte ich hier besser sagen Inderinnen dabei. Der Anspruch war für alle sehr unterschiedlich und als es zu der Erklärung kam, welche Einschränkungen die Teilnehmer des TTC zu erwarten hatten, war der wahrscheinlich härteste Moment gekommen. Wir erfuhren, dass es auch ein „digital detoxing“ (die digitale Entwöhnung) geben würde, sprich die Handys werden den Teilnehmern des TTC abgenommen, weggeschlossen und nur für eine Stunde am Tag ausgegeben. Puh…. Schwer verdauliche Kost für einige Anwesende.

Eine ganz junge Teilnehmerin, die Tochter von Stephani wie sich später herausstellte, bekam beinahe einen Zusammenbruch und erklärte dies ginge für sie gar nicht, da sie doch schliesslich nur mit ihrer APP Meditation betreiben könne. Das gab Diskussionsbedarf, den Bibo, der Seniorlehrer hervorrragend entkräftete.
Nach der Übergabe der Taschen mit Unterlagen, einem Buch und ein paar Goodies (Stift und Yogamattentasche) wurde die Gruppe nach dem obligatorischen Gruppenfoto in die Pause entlassen.

Am Nachmittag sollte für mich die Stunde um 16.00 Uhr beginnen. Die Schüler sind gebeten 10 Minuten vorab einzutreffen. Ich nahm auf meiner Matte Platz und nach einem gemeinsamen Chanting und guten Wünschen wurde der Gruppe eine minimale Einführung gegeben und nun wurde mal wieder sehr individuell vorgegangen. Immer wieder kam einer der beiden Lehrer zu einem und gab einem Korrekturen für die Haltung mit auf dem Weg und anhand eines Charts mit allen Asanas, dass wir vorab bekommen hatte, ging man durch die diversen Asanas (Positionen). Ich sagte mir:“ Okay, das ist alles sehr anders, aber gib Dir selber Zeit, Dich langsam in die Materie hineinzufinden.“ Nicht einfach für alle Dich mich ein wenig kennen.

Nach dieser zweiten Stunde war ich zwar ein wenig verunsichert, aber die Stunde hatte mir so einiges abverlangt und ich war überglücklich beseelt und wusste instinktiv, den perfekten Platz gewählt zu haben.

Nach einem super leckeren Abendessen, natürlich nur vegetarisch, aber unglaublich lecker, nutzte ich noch ein wenig das Internet, welches nur in der Lobby zur Verfügung steht und fiel gegen 21:30 Uhr todmüde und sehr glücklich ins Bett.

Am nächsten Tag wachte ich ganz von alleine auf, machte mich fertig für meine morgendliche Yogastunde im Yoga Dharma. In der ersten Reihe kamen nach und nach die Schüler an, die bereits am weitesten fortgeschritten sind. Ich selber fand mich in der zweiten Reihe wieder gleich neben einem Fenster und war froh, hier eine wenig frische Luft bei dem doch sehr schweißtreibenden Training zu haben. Doch diese Hoffung wurde schnell zu Nichte gemacht, als Priyanka eine kleine, energische Yogatraining mit einer so guten Seele das Fenster schloß und sagte: „Too airy for your training!“ Wenn sie nur wüßte …

In der dritten und letzten Reihe befanden sich die am wenigsten Erfahrenen.

Nun gut. Mein Vorbild auf der Matte vor mir ist für die nächsten Wochen eine extrem flexible Japanerin, die scheinbar den für sich besonders harten Weg geht, mit niemandem hier spricht außer dem Guru und ansonsten komplett in sich gekehrt ist. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Person beim Yoga gesehen zu haben, die so ambitioniert, extrem flexibel ist und jeden Tag unglaublich hart an sich arbeitet.

Die Stunde verlief für mich nun sehr gut, auch wenn ich immer wieder an den Punkt komme, wo ich denke, dass ich das alles schon viel besser können müsse, aber wie heißt es schön im Yoga, Yoga ist dein Weg und es zählt nur das Jetzt und so wie es ist, ist es gut, solange man alles gibt, um sich zu verbessern. Bibo und Priyanka, die beiden Trainer, die im Moment für die nächsten Tage das Training übernommen haben bis der Guru selber wieder erscheint, geben ihr Bestes und ihre unglaubliche Geduld, erneuten Erklärungen und Korrekturen sind der reinste Motivationsfaktor.

Langsam bauen sich die Muskel auch immer mehr auf, von Stunde zu Stunde registriere ich die Anspannung in meinem Körper und den klarer werdenden Fokus, auch wenn dieser sich immer wieder gerne verselbstständigt. Doch in diesen Momenten kommt ganz unerwartet oder vielleicht auch erwartet einer der beiden Trainer vorbei und erwartet wieder das Quentchen mehr.

Das Ende der Stunde wird in der Regel mit dem sogenannten Shavasana beendet und das ist der Moment, in dem noch einmal mental alle Körperteile angesprochen werden und zum relaxen eingeladen werden. Tut das gut!

Zum Schluss winkelt man das linke Bein an, legt es auf die rechte Seite, nimmt ein paar ruhige Atemzüge in dieser Position bevor man sich wieder in die „komfortable position“ dem im Idealfall Lotussitz begibt, die Augen geschlossen hält und die Hände vor der Brust faltet, nun werden sie ein wenig aneinander gerieben und die dabei entstandene Wärme in den Händen über die Augenpartie gelegt. Diese Energie wird im Gesicht mit einer leichten Massage verteilt, bevor wir alle gemeinsam in das Abschluss Chanting (Singen der Mantras) einstimmen. Was für ein unglaublicher Energiepegel, der sich nun breit macht!

Heute ist ein besonderer Tag, den Kanika Bhat, das dreizehn jährige Mädchen, das ich in Bangalore mit Mutter und Oma getroffen habe, hat heute Abend ihren Auftritt am Mysore Palace.

Nach der Yogastunde am Nachmittag nehme ich schnell eine Dusche, greife meine Fototasche und zusammen mit einer lieben Kursteilnehmerin, Stephani aus Italien, organisiere ich mir eine Rikscha (dreirädriges, offenes Taxi) per UBER und schon sind wir auf dem Weg zum Mysore Palace. Dort angekommen, sehen wir eine riesige Menge Menschen, aber unglaublich froh gestimmt und voller Erwartung. Wir reihen uns ein und ich stelle schnell fest Stephani fühlt sich nicht sehr komfortabel. Sie greift nach meiner Hand, während ich meinen Weg durch die Massen mache. Nach wenigen Minuten werden wir von einem Police Officer überholte, der mantramässig wiederholt: „single lane only!“ (nur eine Person hinter der anderen). Wie soll so etwas in dieser Masse von Menschen funktionieren. Ich hänge mich an den Officer, dass ich beinahe seinen Atem spüren kann und Stephani greift immer fester nach meiner Hand. Kaum am Gate angekommen, stehen wir vor einem Metalldetektor der immer nur eine Person durchlässt. Doch hier quetschen sich alle Besucher durch, es piept wie irre und keinen stört es. Ich frage mich wo der Sinn dieses Gerätes ist, wenn sich jeder mit allen Metallgeräten dort durchschiebt. Erst hinter diesem Gate kommt der eigentliche Check und nun werden alle Taschen untersucht auf eventuelle Waffen oder sonstiges.

Kaum haben wir den Palastbereich betreten und ich habe gerade meine Kamera aus der Tasche genommen und eingeschaltet, da geht ein Raunen durch die Reihen. Der Palast wurde angeschaltet, sprich die unglaubliche Beleuchtung des Palastes während der Dussera Festivaltage wurde angeschaltet. Ich nehme Stephani nun zu den unterschiedlichen Punkten des Palastvorfeldes mit, mache diverse Fotos und dann bahnen wir zwei uns den Weg zur Bühne.

Hier werden wir Zeuge von zwei hochprofessionellen Bands für klassische indische Musik.Ich bin überrascht wie ko-operierend die Police Officer auch hier sind. Ich frage freundlich, ob ich mit meiner Kamera vor die Bühne darf und ohne irgendeine Zurückhaltung geben sie mir den Weg frei. Was für ein Erlebnis so nah ranzukommen! Irgendwann versuche ich Kanika’s Mutter zu erreichen. Nach einigen Versuchen bei der Lautstärke etwas zu verstehen, muss ich lernen, dass ich am falschen Palast bin und Kanika in dem Jagamohan Palace, ca. einen Kilometer entfernt auf der Bühne sein wird. Noch haben wir Zeit den Palast zu erreichen und so mache ich mich gemeinsam mit Stephani auf den Weg.

Wenige Minuten später erreichen wir den grün erleuchteten Palast und schnell haben wir Backstage die ganze Familie gefunden. Es ist immer wieder unglaublich wie man als Ausländer quasi einen Freifahrtschein bei solchen Ereignissen hat. Inder sind unglaublich stolz ihre ganze indische Kultur, ihr Essen und ihr Land. Zeigt man als Ausländer dafür Interesse kann man auf Händen getragen werden.

Was sich nun Backstage bot, war ein echter indischer Klassiker, wir wurden beide der ganzen Familie vorgestellt und herzlichst aufgenommen, dann sah ich Kanika zum ersten Mal in kompletter Ausstattung. Was für ein Anblick! Doch das was nun auf der Bühne folgte, ist kaum in Worte zu fassen. Kanika ist die Reinkarnation aller Gesichtsausdrücke, die man sich nur vorstellen kann. Dazu perfekt abgestimmte Handhaltungen und eine Körperanspannung, die bereits mit 13 Jahren extrem ausgebildet ist. Ich möchte gar nicht erst wissen, wie dieses junge Mädchen in 5 Jahren auf der Bühne sein wird.

Nach ca. einer Stunde war die Vorstellung beendet, wir verabschiedeten uns höflichst und fuhren zurück zum Yoga Dharma.

Wieder ist ein völlig erfüllter Tag zuende gegangen und ich fühle mich wie im 7. Himmel.

Hier geht’s zu meinen ersten Eindrücken, die ich schnell mall mit dem Smartphone aufgenommen habe.

TEIL 2

Am nächsten Morgen ging ich völlig motiviert vom letzten Abend in meine morgendliche Yogastunde. Mit jedem Tag fühle ich mich ein bisschen mehr flexibel und gleichzeitig ist der Weg noch sehr weit. Dies wird mir so klar, wenn ich meine Vorbilder in der ersten Reihe sehe. Doch irgendwie schafft dieser Platz hier eine Ruhe, die mich akzeptieren lässt, dass der Weg noch weit sein darf und Frustration hier keinen Platz haben sollte. So langsam schwitze ich mich auch an diesem Tag in meine Matte und ich bewundere die Trainer, die all diesen Schweiß von den Teilnehmern ertragen müssen, wenn sie die Korrekturen vornehmen. Diese Korrekturen sind manchmal nur minimal angedeutet, bewirken jedoch alles, was wichtig ist, um korrekt in die Asana zu kommen. Immer wieder kommt Priyanka bei mir vorbei, weißt mich daraufhin, dass das Steißbein anzuspannen ist, der Bauch einzuziehen ist und die Atmung aus dem Brustbereich zu erfolgen hat. Und zu allem Überfluß bei all der Konzentration kommt noch der kleine, aber feine Hinweis „Your smile is your strength!“ (Dein Lächeln ist Deine Stärke). Während der Stunde am Morgen folge ich für diese Woche den sogenannten „Preparatory Series“ für den bald folgenden Ashtanga Vinyasa flow. Im Endeffekt ist Hatha Yoga die Basis für Ashtanga. Hat man seine Basis im Hatha nicht vernünftig vorbereitet, wird sich im Ashtanga Vinyasa das Problem nur potenzieren. Denn im Ashtanga kommen dann gesprungene Elemente hinzu, die den Flow ergeben. Und so sind die beiden ersten Wochen stark fokussiert auf alle Hatha Asanas.

Am Ende einer jeden Stunde kommt wir alle gemeinsam zur Ruhe, obwohl wir alle unsere komplett personalisierte Stunde machen. Wir schliessen die Morgenstunde mit einem Chanting und Gebet. Für mich ist es natürlich eine Herausforderung Sanskrit aussprechen zu können und vor allem zu behalten.

Zum Beenden der Stunde geht dies wie folgt:

OM  sarve bhavantu sukhinah, sarve santu niramayah
sarve bhadrani pasyantu, ma kascidduhkhabhagbhavet
OM shanti shanti shantih

Nun was wollen all diese Sanskrit Worte sagen?

Mögen alle glücklich sein, frei von Einschränkungen. Mögen alle auf das Gute des anderen schauen und möge keiner von Sorgen geplagt sein.
OM Friede, Friede, Friede.

Was für ein schöner Gedanke um den positiven Tag weiter angehen zu können nach der energetisch Yogastunde am Morgen.

Nach meiner Yogastunde nehme ich eine Dusche.  Natürlich habe ich mich längst wieder an eine indische “Eimerdusche“ gewöhnt und schmunzele jedes Mal ein wenig in mich hinein. Dann geht´s ab zum Frühstück. Jeden Morgen gibt es irgendeine neue vegetarische Köstlichkeit. Die Ruhe, die dabei eingehalten werden soll, wird langsam zur Routine und tut auch irgendwie gut. Ich bin ganz bei mir, konzentriere mich auf das Erlebte und das was vor mir auf meinem runden Metalltablett aufgetan wurde.

Nach dem Frühstück mach ich mich auf den Weg zu einer kleinen Shopping Mall. Dummerweise macht das Trackpad meines Laptops nicht ganz so mit wie ich mir das wünsche und die Bearbeitung meiner Bilder wird zu einem echten Abenteuer.

In der Mall, die mir genannt wurde, gibt es auch einen kleinen Apple Shop. Natürlich könnte ich eine Maus kaufen – die einzige im Geschäft verfügbare – aber bei dem Preis von 6.000 INR (ca. 77 Euro) schrecke doch etwas zurück und frage den Verkäufer ganz kleinlaut, ob es denn noch einen anderen Elektronikshop in der Mall gibt. Verständnisvoll erklärt er mir den Weg und schwups ergattere ich eine Maus für 600 INR. Das klingt doch schon ganz anders.

Gleich neben der Mall entdecke ich das Schild zu einem Beauty Parlour. Man würde das bei uns Frisör mit allen weiteren Serviceangeboten wie Massagen, Maniküre, Pediküre, etc nennen. Hier lasse ich mir endlich mal wieder meine Augenbrauen mit dem Faden in Form bringen. Beseelt fahre ich zum Yogadhaama zurück, denn ich möchte meine Stunde am Nachmittag auf gar keinen Fall verpassen. Dafür bräuchte ich auch eine triftige Entschuldigung. Während eines Kurses sind nämlich nicht mehr als 2 Fehlstunden zulässig.

Am Eingang sehe ich ihn nun endlich. Bharat-ji Shetty, der Guru, ist eine friedliche und doch energetische Person, die mich mit offenen Augen anschaut und freundlich begrüßt. So eine unglaubliche Zufriedenheit, die diesem Menschen innewohnt ist sofort spürbar und wir haben eine kurze Konversation darüber, wie es mir gefällt und dass er sich entschuldigt nicht von Anfang an dabeigewesen zu sein. Ein dummer Husten hat ihn außer Gefecht gesetzt und zu einer Zwangspause gezwungen. Ich verabschiede mich höflichst, gehe in mein Zimmer und mache mich fertig für die Yogastunde am Nachmittag.

Die nun folgende Stunde ist von einem anderen Geist beseelt, dem man von der ersten Sekunde anmerkt, dieser Mann hat seine Bestimmung gefunden, ist durch und durch ein richtig guter Lehrer, hat Yoga komplett inhaliert und weiss es auch zu transportieren. Priyanka ist von nun an seine Unterstützung und Bibo findet sich auf der Matte wieder, um dort die tollsten Asanas zu trainieren. Bibo ist Senior Assistant Trainer und nimmt seine Rolle im TTC (Teacher Training Course) wahr.

Bharat-ji ist ein Schüler von  Yoga Guru, Padma Vibhushan B.K.S. Iyengar, in Pune, Indien. Sein Training basiert auf Ashtanga of Patanjali und Panchakosha, den  Upanishads. Er trägt diverse Titel im Yoga, gibt  Workshops rund um den Globus und unterstützt diverse wohltätige Vereine. Besonders setzt er sich auch für Menschen mit Behinderungen ein.

Einer meiner Lieblingsschüler, der auch regelmässig zur Klasse kommt, ist ein junger Mann mit dem Down Syndrom, der während der Klassen regelrecht aufblüht und unter der Anleitung von Bharat-ji einfach alles gibt.

Die besondere Gabe von Bharat-ji ist es Menschen zu motivieren und das Maximale des Momentes aus einem herauszuholen. Dabei schafft er es mit leichten und wenigen Handgriffen die Asana zu korrigieren und mit einem leichten Klopfer auf den Körper Wertschätzung zu zeigen, ohne dabei auch nur im geringsten anzüglich zu sein.

Am Ende dieser ersten Stunde mit Bharat-ji weiß ich nun noch mehr: Ich hätte keinen besseren Platz wählen können.

An diesem Abend schmeckt mein Abendessen doppelt so gut und nach einer kleinen Bearbeitungsauszeit an meinem Laptop falle ich erschöpft ins Bett.

Die nächsten beiden Tage verlaufen immer weiter nach diesem Muster und am Samstag Nachmittag bin ich fast ein wenig traurig, dass wir Sonntags weder Yogastunden haben, noch wunderbares vegetarisches Essen auf das Tablett kommt.

Für den Sonntag Morgen habe ich mir zusammen mit Urmal und Anoupa (2 Mitschülerinnen) Chamundi Hill vorgenommen. Um 6:30 Uhr morgens machen wir uns auf den Weg. Da wir zu dritt sind, nehmen wir dieses Mal ein Auto und keine Rikschaw. Eine halbe Stunde brauchen wir ca. für den Weg, um am Fuße des Berges anzukommen. Unmengen von Menschen haben sich bereits ebenfalls auf den Weg gemacht. Während Dussera Festival ist dieser Ort für viele Gläubige ein Besuch wert bzw. beinahe ein Muss. Über dem Berg liegt ein morgendlicher Dunst und zügig arbeiten wir uns die 1000 Stufen nach oben. Auf der Hälfte der Strecke ist ein übergroßer Nandi (Bulle) in Stein gemeißelt zu bewundern, der von einem Priester zur Feier des Tages mit diversen Blumengirlanden geschmückt wird.

Kaum oben angekommen, traue ich meinen Augen nicht. Auf einem großen Platz vor dem Tempel haben sich hunderte Menschen auf ihren Yogamatten in eine komfortable Position gebracht und warten auf den Beginn der Stunde, die wenig später abgehalten wird. Rund um den Tempel haben sich Unmengen von Menschen angestellt und bleiben dabei halbwegs diszipliniert in der Schlange, schlicht um für wenige Momente das heiligste Innere des Tempels in Augenschein zu nehmen und das Gebet oder vielleicht auch nur das gewünschte Wort loswerden zu können. Urmal und Anoupa haben den gleichen Plan, während ich die Yogis und einen nahestehenden Seitentempel mit meiner Kamera unter die Lupe nehme.

Eine halbe Stunde stoße ich wieder auf Urmal und Anoupa, die ihren Plan dank der Unmengen von Besuchern in den Wind geschrieben haben. Nachdem wir gemeinsam noch einmal den einen oder anderen Winkel inspizieren, beschließen wir den Rückweg in Angriff zu nehmen. Unten angekommen, sehe ich den Priester, den ich schon einmal vor Jahren bei einem Besuch an genau diesem Ort gesehen und fotografiert habe. Er schaut mich genauer an, fragt woher ich komme und gibt mir wieder einmal seine allerbesten Wünsche.

Kumar, unser Fahrer, hat in der Zwischenzeit auf uns gewartet und ist nun bereit uns zum nächsten Punkt zu bringen: Frühstück im Green Leaf ist angesagt. Kaum dort angekommen, stürzen wir uns auf die Karte und können es kaum abwarten, bis uns die leckeren Mysore Masala Dosas gebracht werden. Diese südindische Spezialität ist ein hauchdünnes, knuspriges gebratenes Crepe, das mit einer Art Kartoffelstampf gefüllt wird. Dazu wird ein Sambal, eine kleine scharfe Suppe, und ein Koriander Chutney gereicht. Wer irgendwann mal nach Südindien kommt, sollte auf gar keinen Fall dieses Gericht am Morgen auslassen.

Gut gesättigt, treten wir den Weg zum Yogadhaama zurück an.

Urmal und Anoupa haben für den Nachmittag einen Besuch im Kino auf dem Plan. Auch wenn es Untertitel gibt, so entscheide ich mich für einen Besuch im Mysore Palace.

Bilder von Chamundi Hill und ein bißchen mehr… kleine Ausschnitte mit dem Handy geklickt

Teil 3

Der erste freie Sonntag ohne Yogastunden schreit förmlich danach noch mehr zu unternehmen. Da ich den Mysore Palace vor wenigen Tagen schon von außen bewundern konnte, kann ich meinen Wunsch endlich in dem Palast zu fotografieren nicht mehr ignorieren. Schließlich gehört dieser Palast  auch Ambas Vilas genannt zu den berühmtesten Palastbauten in ganz Indien. Ich schnappe mir wieder meine Fototasche, bestelle mir über UBER eine Rikschaw und mache mich auf den Weg zum Palast. Dort angekommen, genieße ich die frühe Nachmittagsstimmung und das immer wärmer werdende Licht. „Genauso hatte ich mir meinen Nachmittag vorgestellt“, dachte ich mir und lief langsam zum Eingang des Palastes. Jetzt wurden mir die Menschenmassen doch langsam immer dichter, aber ich wollte partout ins Innere dieses Palastes. So kaufte ich ein Ticket und konnte mein Glück gar nicht fassen, dass ich zum ersten Mal als Ausländer den gleichen Preis zahlen sollte wie Inder. Kaum hielt ich mein Ticket in der Hand, ging ich zu den Absperrungen, von wo aus die Massen in eine Schlange geleitet wurden, um halbwegs geordnet in den Palast zu kommen. Hier mußte ich meine Schuhe ausziehen, fand ein Plätzchen für sie, wo ich sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch wiederfinden würde und ließ mich von der Masse treiben. Was sich nun im Aufgang zu dem Hauptraum abspielte, würde jeden normalen Mitteleuropäer mit leichter Platzangst in ein mittelschweres Trauma fallen lassen oder einen Herzinfarkt  bei den meisten auslösen. Die Masse schob sich den Treppenaufgang nach oben und ob man wollte oder nicht, man wurde einfach mit nach oben gedrückt. In diesem Moment stellte ich mir zum ersten Mal während dieser Reise die Frage, was wohl passieren würde wenn ich nun ein ernsthaftes Problem bekäme. Ein leicht flaues Gefühl überkam mich. Nach einigen Minuten war dieser Schub in die obere Etage zum Säulenraum überstanden. Das Bild was sich mir nun bot, war einfach nur von unglaublich, verschwenderischer Schönheit indischer Architektur geprägt. Ich komme in einen riesigen Raum, der mit unzähligen Säulen geziert ist. Drei Bogengänge nebeneinander mit endlos hintereinander liegenden Säulen, die im Bogen mit einem strahlenden Türkis geradezu leuchten und nach unten durch die Farbe rosa und endlose Goldapplikationen einen tollen Kontrast bieten. Durch jede dieser Allee von Säulen wird der Marmorboden im hellen Beigeton durch einen endlosen roten Teppich schützend geziert. Ich könnte hier ewig stehen, um jeden Winkel zu fotografieren, aber die Masse schiebt sich unaufhaltsam weiter, angetrieben durch die schrillen Pfiffe der Palastaufseher, die ihr Bestes tun die Menschen weiterzutreiben. Irgendwie schaffe ich es aber meine Fotos unbeirrt schießen zu können und lasse mich in keiner Weise von den Versuchen mich weiterzuschieben beeindrucken. Diese Momente sind für mich unglaublich erfüllend und ich bin fast berauscht von der beeindruckenden Symmetrie, von der sich die Architekten bei diesem Palast haben inspirieren lassen. Bei dem Hinweis, dass dieser Palast Elemente der traditionellen hinduistischen, indisch-islamischen, rajputischen und europäischen Architektur vereint, wird einem fast schwindelig und als ich meinen Blick auf die offene Tribüne lenke, die links des Säulensaals liegt, und die den Blick auf das komplette Vorfeld des Palastes freigibt, komme ich aus dem Stauen auch bei diesem Besuch nicht mehr raus. Dieses Vorfeld – auch Arena genannt – wird von sechs in Bronze gegossenenen Leoparden bewacht, die jederzeit bereit sind loszuspringen. Soviel Oppulenz auf einem großen Raum verteilt erschlägt einfach jeden.

Inder lieben Fotos und seit der Einführung von Selfies und Smartphones ist diese Nation irgendwie komplett außer Rand und Band. So natürlich auch hier. Ich schaffe es meine Momente für mich einzufangen und lasse mich weiter in den nächsten Raum schieben. Hier ist dem Gold keine Grenze mehr gesetzt worden. Die Durbarhalle ist ein Raum, der für Audienzen des Maharajas eingerichtet wurde. Neben dem Blattgold, der diesen ganzen Raum regelrecht im Schein badet, ist eine Glasdecke im Dach eingelassen, durch die das Licht in allen Farben während des Tages scheint gefiltert durch feinste Glasmalerei. Abends wird dieses Glasdach von feinsten Kristallleuchtern von unten angestrahlt wird. Mir bleibt in diesem Moment wirklich der Atem stocken – nicht nur durch die beeindruckende Schönheit des Raumes, sondern auch durch die Hitze und Menschen, die sich unaufhörlich weiter an mir vorbeischieben und mich immer wieder mitreißen wollen. Auch hier überkommt mich eine leichte Beklemmung bei dem Gedanken, was wohl wäre wenn …

Als ich aus dem Palast ausgespukt werde, nehme ich einen tiefen Schluck frische Außenluft, suche meinen Weg zurück zu meinen Schuhen und kann meine Fotofreude einfach immer noch nicht bändigen. Mein Blick fällt auf das Schild mit dem Hinweis zum Old Palace (alter Palast). Angenehm überrascht von der sich lichtenden Menschmasse, den leicht morbiden und unglaublich fotogenen Fassaden, stehe ich wenige Momente später am Eingang zum alten Palast. Hier holt mich die Normalität wieder ein: Der Preis für erwachsene Inder 45 INR, Ausländer 180 INR. Ein Ärgernis, das ich leider immer noch nicht verdaut bekomme. Natürlich sind das alles keine Beträge, aber warum glauben Inder, das Touristen Geldausgabeautomaten sind. Dabei gibt es reiche Inder, die ebenso mehr zahlen könnten. Nun gut, ich schiebe meinen Groll beiseite, bezahle mein Ticket und dann muss ich erfahren, dass ich im alten Palast nicht fotografieren darf. Hätte man das nicht bereits am Ticketschalter erwähnen können? Hier war meine rote Linie nun wirklich überschritten und ich wollte das Ticket wieder zurückgeben. Doch am Ticketschalter sagt mir die indische Lady: “No refund!“ (Keine Ersattung!). Da platzt bei mir die nicht vorhandene Hutschnur und ich gebe dem Oberauseher mein Ticket zurück, weil mir die Lust vergangen ist. Und siehe da, er sagt: „Go with camera!“ (geh mit deiner Kamera). Die Logik erschließt sich mir nicht, aber ich nehme das Angebot an und mache meine Tour durch den alten Palast. Fazit: Hätte ich mir auch sparen können. Aber so ist das mit mir, die Neugierde ist einfach zu groß.

Nach insgesamt guten drei Stunden habe ich genug von Menschen und Palast. Ich verlasse die Palastmauern auf der Suche nach einem kleinen Rooftop Restaurant, dass ich bei meinem ersten Besuch in Mysore vor vielen Jahren mit einer Freundin besucht hatte und mir in guter Erinnerung geblieben war. Trotz intensiver Suche werde ich aber nicht fündig. Ein Blick auf mein Handy sagt mir, dass mein Akku nicht mehr reicht, um per UBER eine Rikschaw zu bestellen und nach Hause zu kommen. Diese Erkenntnis sagt mir einerseits, dass es höchste Zeit für mich wird zu digital zu detoxen und dass ich schleunigst eine Steckdose brauche.

Mein Magen schlägt mir vor, ein vegetarisches Restaurant zu suchen. Gesagt, getan. Mein Handy bekommt die nötige Steckdose und ich sitze an einem Tisch allein und bestelle mir Thali, eine südindische Spezialität bestehend aus ganz vielen kleine Gerichten, die in  kleinen Schüsselchen auf einem Tablett serviert werden und immer wieder aufgefüllt werden, bis man satt ist. Das ich hier natürlich nicht lange alleine sitze versteht sich eigentlich von selbst. Eine „kleine Familie“ findet sich ein. Mutter, Vater, Tochter, Sohn und dann schwups kommen noch aus dem Nichts drei weitere kleine Söhnchen. Mutti und Vati bestellen sich einen kleinen Kaffee und als dieser eintrifft, schaut mir die Mutter interessiert zu, wie ich mein Essen zu mir nehme. Das ich dazu Löffel und Gabel brauche, findet sie besonders interessant und irgendwann fragt die neben mir sitzende Tochter: „Can I have Selfie with you?“ (Kann ich ein Selfie mit Dir haben?“) Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt, so verschwitzt wie ich bin, aber was tut man nicht alles, um die Menschen in meinem Gastland glücklich zu machen? Nun traut sich auch Vati. „Where are you from?“ Das Eis ist gebrochen. Wir haben eine kleine Unterhaltung und so erfahre ich, dass die ganze Familie über Dussera für zwei Tage von Mangalore nach Mysore gefahren ist mit dem Nachtbus (acht Stunden Fahrt) und dass ich die Tochter gerne mit nach Deutschland nehmen darf. So schnell geht das.

An diesem Abend fahre ich nur noch nach Hause ins Yogadhaama und muss all meine Erlebnisse verdauen, bevor es am anderen Morgen mit Yoga weitergeht. Und darauf  freue ich mich nach einem Tag Abstinenz schon so richtig.

Als am anderen Morgen der Wecker klingelt und ich meine müden Beine ins Bad trage, da merke ich ganz andere Muskelpartien: 1000 Stufen nach Chamundi Hill rauf und 1000 Stufen runter haben ihren Job getan und das soll ich noch die nächsten 2 Tage spüren.

Die Energie an diesem Morgen ist aber ungebrochen und mit Beginn dieser Woche merke ich, ich beginne den Flow (Ablauf) zu verinnerlichen. Der Morgen beginnt mit Chanting (dem Singen eines Gebets). Bharat-ji singt die einzelnen Bestandteile in Sanskit vor und mehr oder weniger gut singen die Schüler gemeinsam nach. In der komfortablen Position (überkeuzter Schneidersitz) wird es von Tag zu komfortabler länger zu sitzen und nach einem freundlichen Namaste-Verneiger kann es losgehen. Jeder folgt seiner Abfolge. Noch immer beginnt für mich und einige andere die Stunde mit dem Stehen an einen Wand. Die Füße stehen dabei eng nebeneinander und langsam sinke ich mit den Knien gebeugt ein wenig runter. Dabei ziehe ich das Steißbein leicht nach oben, lehne den Kopf nicht gegen die Wand, so dass der ganze Rücken ohne einen Hohlraum zu bilden mit der Wand eins wird. Nach 9 tiefen Atemzügen, die im Brustbereich stattfinden und wobei der Bauchnabel eingezogen wird, nehme ich die Arme nach oben und nehme meine Hände zusammen, ohne die Finger zu überkreuzen. Dabei bleiben die Schultern relaxed und werden nicht mit nach oben gezogen. Hört sich alles leicht an, aber für mich ist Herausforderung, das Becken nach vorne zu rotieren und dabei immer wieder den Bauchnabel einzuziehen. Diese Haltung ist Grundlage für sehr viele Asanas (Positionen) und so wird es immer wiederholt vor jeder Stunde.

Den Rest meiner Stunde genieße ich in vollen Zügen und bin so unendlich dankbar, diesen Ort gefunden zu haben und diesen Lehrer. Aber noch sehr viel wichtiger, einen Mann an meiner Seite zu haben, der Freiheit geben kann. Freiheit, um diese Momente in völliger Gänze zu genießen. Was für ein Geschenk!

 

Bleib dran, wenn Du mehr von meiner Reise wissen möchtest…

Mysore Palast
Säulenraum im Mysore Palast
Verzierungen an den Säulen
Symmetrie im Säulenraum
Goldener Saal für Audienzen
Audienzbereich des Palastes
Alter Palast
Alter Palast
Mysore Palast
Gate mit Blick auf die Spitze von Statue of Chamarajendra Wodeyar
Mysore Palast

TEIL 4

Nach der Morgenstunde am folgenden Morgen habe ich etwas ganz Besonderes auf meinem Zettel. Am Nachmittag um 14:30 Uhr findet eine riesige Prozession am Mysore Palace statt. Eingeleitet wird diese von Elefanten und als krönenden Abschluß mit Elefanten beendet wird. Was dazwischen passiert, ist zu diesem Zeitpunkt für mich ein Buch mit sieben Siegel, aber schon bei der Vorbereitung meiner Reise war mir klar, das Ereignis würde ich um keinen Preis verpassen.

Dussera ist ein Festival, das besonders in Mysore in ausschweifender Form gefeiert wird und wofür diese Stadt unter anderem in Indien auch bekannt ist. Was will dieses Festival sagen? Nun in Kürze erklärt, ist es der Sieg des Guten über das Böse oder mit mystischer Brille betrachtet, der Sieg von Gott Rama – eine Reinkarnation von Lord Vishnu – über den 10-köpfigen Demon König Ravana.

So machte ich mich mit offizieller Erlaubnis von Bharat-ji gleich nach dem Frühstück auf zum Palast. Dort angekommen war mir klar, das würde ein Menschenauflauf ungeahnten Ausmaßes für mich werden. Ich musste die Palastmauern einmal umrunden, um einen perfekten Ausgangspunkt für meine Bilder zu finden. An diesem Tag waren in den Palastmauern nur geladene Gäste vorgesehen und davon war ich noch ganz weit entfernt.

Rund um der Kreisverkehr wo sich auch die Statue von Chamarajendra Wodeyar befindet, am östlichen Tor des Palastes, hatte die Polizei, die für diese Festivaltage in Mysore um weitere 10.000 Polizisten verstärkt wurde, ganze Arbeit geleistet. Die Absperrungen waren rund um den Kreisverkehr mit Ausnahme des Prozessionsweges komplett abgesperrt. Noch konnte man in den Kreisverkehr gehen, aber viele Besucher hatten sich bereits scheinbar seit den Morgenstunden in Stellung gebracht, um den besten Platz in erster Reihe hinter der Absperrung zu ergattern. Junge, hübsche Inderinnen in khakifarbenen Uniformen lächelten zwar in die Menge, aber zu spaßen war mit ihnen im Ernstfall nicht wirklich. Sie zogen den Kreis in Form einer Menschenkette mit fortschreitender Zeit immer enger. Ich schaute mich um. Überall Menschen, Menschen, Menschen, wohin das Auge auch blickte. Selbst in den Bäumen hatten die ersten Schaulustigen versucht einen Platz auszumachen, von dem aus wohl die besten Blicke oder Fotos zu erhaschen seien. Ich machte eine beinahe erreichbare Lücke in der ersten Reihe an einer Absperrung aus und wollte den Weg dort hin wagen. Das bereute ich schnell. Ich musste mich durch ein Nadelöhr schieben und irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl, gewisse Männer suchten genau diese enge Möglichkeit. Und dann kam es noch dicker. Plötzlich wurde von vorne geschoben und dieser Menschmasse war einfach gar nichts mehr entgegenzusetzen. Ich beschloss, mich ganz schnell wieder zurückschieben zu lassen. Was für eine Erleichterung als ich wieder an eine etwas aufgelockerte Stelle gelangt! Nun war mir klar, ich brauchte einen sicheren Platz, um das Festival auch genießen zu können. Ich machte an einer Seite der Straße eine bunte Überdachung aus Stoff aus hinter der Absperrung. Leider war diese Absperrung auch noch mal mit Gitterdraht erhöht, so dass ein darüber springen oder darüber fotografieren fast aussichtslos war. Und da entdeckte ich plötzlich einen kleinen Zugang zu dieser „Tribüne“, abgesichert durch drei Wachleute. Einen freundlich gestimmten Vertreter fragte ich, ob ich wohl in diesen Bereich eintreten dürfe und kurz bekam ich entgegen geschleudert: “Ticket?“  Ganz offen und ehrlich sagte ich ihm, dass ich kein Ticket hätte, es gerne gekauft hätte, aber irgendwie nicht durchgekommen bin. Mit großen Augen schaute ich ihn an und nach meiner gerade gemachten Erfahrung, die fast an eine Stampede erinnerte, sah er mir den Schrecken wohl irgendwie an. Er fragte mich, ob ich alleine sei und ich nickte ein wenig betroffen. Kurz und knapp bekam ich energisch gesagt: „Wait!“ Ich zog einen 100 Rupie-Schein aus meinem Portemonnaie und als er mich in einem günstigen Moment passieren lassen wollte, lehnte er meinen Bestechungsversuch aber brüsk ab und ließ mich dennoch passieren. Nun war ich wieder befriedet. Es geht auch mit Freundlichkeit! Ich suchte mir einen Platz in der hintersten von 5 Reihen gleich am Zaun zum Palastgarten, denn ich hatte den Gedanken, während der Prozession auf den Stuhl steigen zu können, um bessere Bilder machen zu können. Ein Großteil der Stühle war bereits belegt.

Kurz nachdem ich Platz genommen hatte, gesellten sich auf meiner linken Seite eine Gruppe junge, gutaussehende Männer dazu mit offenbar sehr guten Manieren. Es dauerte nicht lange und schon wieder war ich in Mitten einer interessanten Unterhaltung. So erzählten mir diese jungen Männer, dass sie an einem einjährigen Studienprogramm der Regierung teilnähmen und von tausenden Bewerbungen nur ein Kandidat pro Bundesstaat ausgewählt wurde. Auf meine Frage, was sie denn während dieser Zeit gerade genau machen würden, erklärten sie mir ganz aufgeregt, dass sie ein Projekt machen über die Implementierung von einem Ausbildungssystem in das indische Wirtschaftssystem in Anlehnung an unser gutes altes deutsches Ausbildungssystem. Treffer versenkt!

Als ich der Gruppe nun erkläre, dass ich aus Deutschland bin und selber nach meinem Abitur eine Ausbildung als EDV-Kauffrau durchlaufen habe, sind sie ganz aus dem Häuschen. Einer der Gruppe prischt vor und fragt: „Madam, can we have an interview with you?“ Hmm, denke ich so, wohin so etwas dann wohl gehen mag. Ich erkläre mich bereit unter der Prämisse, die Fragen vorab zu lesen zu bekommen. Gesagt, getan! Völlig euphorisch steckt die Gruppe die Köpfe zusammen und eine halbe Stunde später bin ich ON AIR. Zwei Handys nehmen das Interview auf und während der Aufnahme will sich immer wieder einer der fliegenden Händler dazwischen mogeln, um Getränke und Snacks an die Besucher zu verkaufen. Indien ist einfach ungebremst, hautnah und ohne Rücksicht auf Privatsphäre. Eine Erfahrung, die ich immer wieder in Indien machte und mache. Genauso mag ich es, auch wenn selbst ich Momente habe, in denen ich mir mein beschauliches Zuhause zurückwünsche.

In der Zwischenzeit haben sich auch die Plätze zu meiner rechten Seite gefüllt. Eine kleine Gruppe von sechs Männern mittleren Alters – opsy, da gehöre ich ja auch schon dazu – hat Platz genommen, beobachtet, was ich so erzähle und natürlich wollen auch sie sich im Anschluß an mein Interview einbringen. Diese Gruppe wohl recht gut situierter Männer ist auf dem jährlich wiederkehrenden Ausflug zur Elefantenparade nach Mysore. Jedes Jahr reisen sie gemeinsam mit dem Zug aus Bangalore an wie mir mein direkter Sitznachbar erklärt. Selbstverständlich könnten sie auch mit dem Auto anreisen – das muss er nun doch schon zum Ausdruck bringen, aber der vernünftigere Weg sei nun einmal einfach mit dem Zug und noch dazu hätten sie so viel mehr Spaß gemeinsam.

Zwischenzeitlich ist der Kreisverkehr von Besuchern geräumt, Polizeioffiziere sind in Stellung gebracht, und nur noch Presse und zugelassene Fotografen haben das Privileg des freien Raumes.

Dann wird es plötzlich laut. Ein Raunen geht durch die Menge und da sind sie! Die ersten vier Elefanten haben den Weg aus dem Palast geschafft. Angeführt von einer Gruppe weiß gekleideter Brahmanen (Priester aus der obersten Kaste) kommen die majestätisch erscheinenden Riesen daher. Jeder der Tiere ist mit floral, indischen Mustern auf dem Körper, besonders im Kopf und Ohrbereich bemalt. Über den Rücken tragen sie bunte Satintücher und auf jedem Elefant sitzt der Mahout (der Elefantenführer, -reiter) sowie eine weitere Person. Dieser trägt einen bunten Schirm. Wozu dieser allerdings dienen soll erschließt sich mir nicht, außer dass er als dekoratives Element eine gewisse Würde verleiht.

Die Masse ist außer Rand und Band. Im schrillen Getöse, Getrommel und zusätzlichem Anfeuern durch die Besuchermassen tun mir die Elefanten einfach nur leid. Das braucht, glaube ich, kein Elefant und mit der indischen Brille betrachtet, frage ich mich insgeheim, was diese armen Elefanten wohl Böses getan haben in ihrem vorherigen Leben, dass sie dieses Karma erwischt haben und nun abarbeiten müssen.

Gefolgt von den Elefanten werden nun nach und nach diverse Wagen mit aktuellen politischen oder gesellschaftskritischen Themen aufgefahren. Diese gleichen unserem Karnevalsumzugswagen sehr. Sie sind einfach nur bunter. Neunundzwanzig Wagen an der Anzahl werden nur unterbrochen von unterschiedlichsten Vereinsgruppen, die entweder musikalische oder folkloristische Darbietungen unter lautem Trommelwirbel oder sonstigen musikalischen Untermalungen darbieten. Nicht nur, dass der Geräuschpegel enorm ist, auch die Hitze, die Menschenmassen und die aus dem Nichts kommenden jungen Männer, die nun immer wieder versuchen, von hinten über den Zaun zu klettern, um auf die Tribüne zu gelangen, auf der ich mich nun schon seit drei Stunden befinde, geben mir langsam aber sicher den Rest.

Beklemmungen klettern im fünf Minuten Takt immer höher. Auch wenn ich auf dem Stuhl, auf dem ich von nun an stehe, um etwas mitzubekommen mit meiner beschränkten Körpergröße, den einen oder anderen guten Klick mit meiner Kamera machen kann, so kann ich diesem Moment überhaupt nicht mehr von bewußt fotografieren sprechen. Damit ich von hinten nicht komplett überrollt werde, muß ich einen energischen Blick nach hinten werfen und das scheint mir wohl zu gelingen, denn den Sprung über den Zaun wagen die jungen Männern nun doch nicht mehr.

Nach ca. 1 ½ Stunden glaube ich einerseits genug gesehen zu haben und andererseits ist es selbst mir zu viel in dieser Menschenmasse auszuharren. Nun versuche ich ein wenig weiter die Tribüne entlang einen Ausgang zu finden. Leichter gesagt, als getan. Notausgang, komplette Fehlanzeige! Und so bleibt mir nichts anderes übrig als den Sprung über diesen Eisenzaun mit beeindruckenden Zacken zu wagen, um meinem Wunsch nach mehr Platz nachzukommen. Irgendwie schaffe ich es, mit der Hilfe von einem netten Tribünengast und lande im Palastgarten.

Hier traue ich meinen Augen fast nicht mehr. Von überall her versuchen sich Männer einen Weg über Dächer, Mauern und sonst woher zu bahnen, um näher ans Geschehen zu kommen. Die Polizeioffiziere zücken zwar hier und da mal ihre Trillerpfeife und wedeln bedrohlich mit einem Polizeistock umher, aber man kann nicht wirklich sagen, dass sie der Sache Herr werden.

Vor meinem geistigen Auge stelle ich mir vor, was wäre wenn … Nein, besser ich tue das nicht. Ich beschließe ein paar Minuten in einer „ruhigen Ecke“ ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen, um meinen Puls runterzufahren, denn der scheint in ungeahnte Höhen gestiegen zu sein. Dann sehe ich ein Tor, in dem Massen von Menschen einen direkten Blick auf das Ausgangstor aus dem Palast haben. Ich stelle mich hinten an und so gelingt es mir tatsächlich das Ende der Elefantenparade zu erleben.

Ein schwer dekorierter Elefant mit einem goldenen Thron auf seinem Rücken trägt schwer an der Last und wird von jeweils einem kleineren Elefanten zu jeder Seite begleitet.

Dieser Situation kann ich irgendwie nichts Gutes mehr abgewinnen, denn die gutmütigen Vierbeiner tun mir einfach nur noch leid.

Plötzlich öffnet sich hier dem Ende dieses Zuges das Tor zur Paradestrecke und ich hoffe, von hier einen Ausweg nach draußen zu finden.

Weit gefehlt! Ich werde erneut von den Menschenmassen mitgerissen und bin plötzlich mitten in der Parade.

Die Polizei ist irgendwie mehr damit beschäftigt fleißig Selfies von sich und der Parade zu klicken und mit meiner Kamera scheine ich genug Eindruck zu schinden, dass die Polizei mich gewähren lässt, wahrscheinlich in der Annahme, ich sei von der ausländischen Presse.

Irgendwann schaffe ich es endlich diesem Pulk zu entrinnen und ich beschließe die erste verfügbare Rikschaw nach Hause zu nehmen. Das der Fahrer nun natürlich sein Glück beim Schopfe ergreift und mir einen astronomischen  Preis nennt, ist klar. Wir einigen uns bei 300 Rupies statt gewöhnlicher 39 Rupies, denn ich will nur noch raus aus dieser Menschenmasse.

Als ich an diesem Abend meine Bilder auf meinen Laptop lade, da weiß ich ganz genau, nur mit der Leidenschaft für den Moment entstehen die wirklich schönen Fotos. Ich komme zu der Erkenntnis, solche Großveranstaltungen in Indien demnächst zu vermeiden. YouTube hätte mir das Ganze auch live gut nahegebracht.

Am nächsten Morgen genieße ich meine Morgenklasse doppelt intensiv. Klar ist nun für mich, der Fokus liegt bei dieser Reise auf Yoga und genau das fühlt sich hervorragend an.

In dieser zweiten Woche merke ich aber auch, dass die schnellen Fortschritte der ersten Woche nun nicht mehr in dieser Intensität zu erreichen sind. Ich beginne, dies zu akzeptieren und atme mich immer tiefer in meine Asanas. Die Erkenntnis dieser Woche ist nämlich genau dies: eine gute Basis schaffen durch einen festen Stand, immer wieder im Körper zu manifestieren, dass die Wirbelsäule eine gerade Linie bilden soll, das Steißbein nach vorne geschoben werden muss, der Bauchnabel Richtung Wirbelsäule geatmet wird und die Atmung im Brustbereich und nicht im Bauch stattfindet.

Jede Zelle meines Körpers nimmt für sich in Anspruch, dieses Gefühl langsam zu etablieren. Besonders meine Hüftrotation nach vorne macht mir besonders zu schaffen und so bekomme ich immer wieder Haltungskorrekturen und den unablässigen Hinweis: „Pull your belly in!“ Da versteht hier keiner von den Trainern Spaß und ich habe längst für mich einen anderen Mahlzeitenplan entwickelt.

Um den Bauch zu minimieren, habe ich das Mittagessen von der Liste gestrichen. Somit ist auch bei der Nachmittagsstunde von 15:45 bis 17:30 Uhr kein überflüssiger Ballast in der Bauchgegend unterwegs.

Spannend ist auch meine Beobachtung auf die Bedürfnisse des Körpers. Nicht der Hauch von Wunsch ist da, trotz aller Anstrengung Belohnung durch Süßigkeiten zu geben. Ich bin glücklich mit der rein vegetarischen Ernährung im Yogadhaama, die ich als extrem abwechslungsreich und schmackhaft empfinde. Den einzigen kulinarischen Luxus, den ich mir gönne, ist hier und da mal einen leckeren Cafe Latte in einem der netten Cafes von Mysore zu genießen.

Wie es mir in dieser Woche auf meiner Matte und drum herum weiter ergeht, erzähle ich in Bälde. Danke für´s Lesen, Mitreisen und Mitfühlen. Wenn Du mir einen Kommentar hier unten hinterlässt freue ich mich natürlich sehr.

Stay tuned  … oder wie wir in Deutschland sagen, BLEIB DRAN

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Karola Kopshoff
    14/10/2019 21:58

    Meine Liebe,
    DANKE ! habe eben nochmal gelesen und wie gesagt kommen immer wieder Erinnerungen. Wenn ich lese höre ich – ebenfalls schon gesagt – Deine Stimme, die mir erzählt und DANN, erwische ich mich dabei, dass ich hier sitze und laut JA GENAU ! sage und und sehr viel lachen muss.
    Und es kommt immer wieder ein .. “weißt Du noch” .. ich glaube Du hast damals den Sicherheitsmann vor dem Palast mit einem Kuli “bestochen” um fotografieren zu können.. damals war das noch möglich .. sehe dabei auch noch die Bilder aus den “Back Waters” vor mir .. Kulis waren damals eine “echte Währung” oder sehe ich das falsch?!?
    Auch kommen Bilder aus den Nilgi – Bergen, der Zugfahrt, diversen Busfahrten und “Unserem” Restaurant in Trivandrum – hoffe richtig geschrieben – immer wieder…
    Ich werde auch nie diesen Abend im Restaurant in Mysore auf der Dachterrasse vergessen .. dieses Zweibelgericht war doch einfach nur zu gut ! – ich meine mich zu erinnern, dass wir spontan noch eine zweite Portion bestellt haben…
    DANKE Dir auch für das Bild zum “All India Institute of Speech and Hearing”.. als ich es heute sah .. ebenfalls kamen Erinnerungen…
    Im Verlauf meines Studiums Anfang der 1990iger hatte ich in meiner Fachzeitschrift für Logopädie einen Bericht über ein Auslandssemester einer Kollegin in Indien gelesen. Ich weiß nicht mehr genau ob es Mysore war- es war aber auf jeden Fall im Süden. Gemeinsam mit einer Kommilitonin hatte ich damals versucht Kontakt mit Indien aufzunehmen, da wir beide SEHR großes Interesse hatten dort eine Zeit zu verbringen. Leider ist es im Sande verlaufen, auch sicher war mein Englisch zu schlecht, gleichfalls hatte ich noch wenig Erfahrung und wusste nicht was zu tun ist. …

    Ich wünsche Dir von Herzen weiterhin eine sehr gute Zeit – Dein Foto spricht Bände – Beeindruckend! – und Du weißt sicher wie ich das meine.

    Mit vielen Lieben Grüßen und einer herzlichen Umarmung Deine Karola

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